«HIV beeinflusst meinen Alltag kaum noch»

Ich komme aus Äthiopien und lebe seit vielen Jahren in der Schweiz. Seit etwa siebzehn Jahren weiss ich, dass ich mit HIV lebe. Die Diagnose erhielt ich zwei Jahre nach meiner Ankunft, im Rahmen von medizinischen Abklärungen wegen Fussproblemen. Zunächst konnte ich das Resultat nicht akzeptieren. Für mich fühlte es sich an wie eine Strafe Gottes, ein Zeichen dafür, etwas falsch gemacht zu haben. In meiner Community wird es oft als Zeichen der Sünde gesehen, wenn man einen positiven HIV-Status hat.

Alex* aus Äthiopien

Wichtige Unterstützung erhielt ich damals von einer Sozialarbeiterin im Spital sowie später von einer Beratungsstelle, die mich über längere Zeit begleitete. Ohne diese Begleitung wäre die Anfangszeit kaum zu bewältigen gewesen.

Der Zugang zum Gesundheitssystem war für mich zunächst schwierig, da ich weder über eine Aufenthaltsbewilligung noch über eine Krankenversicherung verfügte. Erst ein ärztliches Schreiben ermöglichte es mir, eine Bewilligung zu erhalten und mit der Therapie zu beginnen. Danach wurde ich mehrheitlich gut behandelt – von Fachstellen, von Ärzt:innen und von Spitälern. Einzelne schlechte Erfahrungen gab es zwar, doch die grosse Mehrheit der Menschen, denen ich begegnet bin, war respektvoll.

Schwierig blieb für mich die sprachliche Situation. Die fehlenden Deutschkenntnisse führten dazu, dass ich mich ausgeschlossen fühlte und mich manchmal auch missverstanden fühlte. Ich konnte kaum Einfluss darauf nehmen, ob und wie viele Untersuchungen durchgeführt wurden.

Der Unterschied zur medizinischen Versorgung in Äthiopien ist enorm. In der Schweiz gibt es stabile Therapien, verlässliche Unterstützung und schnelle Hilfe. In Äthiopien habe ich gesehen, wie sehr Menschen mit HIV leiden, weil sie keinen Zugang zu wirksamen Medikamenten haben. Hier ist das anders: Wenn ich Beschwerden habe, bekomme ich sofort Unterstützung. Das hat mein Leben gerettet.

Über HIV habe ich ausserhalb medizinischer Kontexte kaum gesprochen. Meine Familie weiss von meinem Status, in meiner Community hingegen habe ich nie darüber gesprochen. Zunächst mied ich den Kontakt aus Angst vor Stigmatisierung, später auch aus anderen Gründen. Ein Teil meines Lebens spielte sich über Jahre hinweg hauptsächlich im Spital ab – wegen HIV, aber auch aufgrund anderer Erkrankungen. Dadurch hatte ich wenig Energie für soziale Kontakte.

Heute beeinflusst HIV meinen Alltag kaum noch. Eine grössere Rolle spielt es nur noch bei den regelmässigen Kontrollterminen. Ansonsten vergesse ich oft, dass ich mit HIV lebe.

Was ich mir wünsche? Informationen in den Muttersprachen – unbedingt. Viele Menschen mit Migrationsgeschichte haben keinen Zugang zu Wissen über Therapie, Prävention oder das Leben mit HIV. Informationsangebote wie Magazine oder Beratungsstellen müssten breiter zugänglich sein. Essenziell ist zudem, die Diagnose annehmen zu können, gut informiert zu werden und auf etwas vertrauen zu dürfen – sei es die medizinische Unterstützung oder der eigene Glaube. Für mich spielt der Glaube eine grosse Rolle; er gibt mir Halt und Orientierung.

Unterstützung ist entscheidend, besonders in der ersten Zeit nach der Diagnose. Ich war damals sehr verzweifelt und hatte grosse Schwierigkeiten, die Krankheit zu akzeptieren. Ohne Hilfe wäre ich vielleicht nicht mehr hier. Wichtig ist auch, dass Menschen sich testen lassen. Wenn ich keine Fussprobleme gehabt hätte, wäre ich wohl nie getestet worden – und vielleicht wäre ich heute nicht mehr am Leben.

*Name geändert.
Porträt verfasst von Marlon Gattiker, basierend auf einem Interview, geführt von Anja Suter (Aids‑Hilfe Schweiz). Ein herzliches Dankeschön an Tesfalem Ghebreghiorghis (Prävention und Migration, Sexuelle Gesundheit Zürich) für die Organisation des Interviews und das Dolmetschen. Unser Dank gilt zudem der HIV/Aids‑Seelsorge für die freundliche Bereitstellung der Räumlichkeiten.