«Ich schweige aus Angst vor Stigmatisierung»

Ich komme aus Eritrea und lebe seit 2010 in der Schweiz. Seit einigen Jahren bin ich IV‑abhängig, da ich drei Leberoperationen hatte – Komplikationen, die auch mit meiner HIV‑Infektion zusammenhängen. Ich wohne allein und werde bald erneut operiert. Meine Medikamente nehme ich regelmässig, auch wenn mein Alltag stark von Stress geprägt ist.

Salomon aus Eritrea*

2015 liess ich mich testen. Der Auslöser war meine Tochter: Sie war krank und wurde positiv auf HIV getestet. Danach liess auch ich mich testen – das Resultat war positiv. Heute geht es meiner Tochter gut, sie nimmt ihre Medikamente zuverlässig. Mein Sohn lebt ohne HIV.

Meine eigene Diagnose war ein Schock. Ich ging damals zu einer HIV‑Beratungsstelle, wo ich grosse Unterstützung erhielt. Bis heute spreche ich mit fast niemandem über mein HIV – nur mit den Berater:innen dort, mit meiner Familie und mit zwei Freunden, einer davon lebt ebenfalls mit HIV. In meiner eritreischen Community schweige ich darüber aus Angst vor Stigmatisierung. Ich fürchte, dass Leute reden könnten und dass dies nicht nur mich, sondern auch meine Kinder treffen würde.

Der Zugang zur medizinischen Versorgung in der Schweiz war für mich immer gut. Meine Tochter und ich konnten sofort mit der Behandlung starten. Sprachliche Barrieren gab es keine – am Anfang wurde ich von einem Übersetzer begleitet, später konnte ich alles selbstständig erledigen. Der Unterschied zu Eritrea ist riesig: Dort sterben viele Menschen, weil sie keine wirksame Therapie erhalten. Hier bekomme ich die Medikamente, die ich brauche.

Trotzdem beeinflusst HIV meinen Alltag stark. Wenn ich an Treffen oder Feste gehe, habe ich immer Angst, dass jemand etwas erfährt. Auch meine Motivation, zu arbeiten oder etwas Neues zu beginnen, leidet unter diesem Stress. Oft sage ich mir selbst, dass ich gesund bin und weitergehen muss – Ablenkung hilft. Mein Freund, der ebenfalls mit HIV lebt, ermutigt mich immer wieder. Er sagt: «Es gibt so viele schlimmere gesundheitliche Probleme – du kannst ein normales Leben führen.»

Was wünsche ich mir? Dass neu ankommende Migrant:innen die Krankheit akzeptieren und verstehen, wie wichtig die Behandlung ist. Wir sollten dankbar sein, Zugang zu guter medizinischer Versorgung zu haben. Die Unterstützung durch Stellen wie die Sexuelle Gesundheit Zürich ist sehr wichtig – ohne sie wäre es damals sehr schwierig gewesen. Für viele Betroffene wäre es hilfreich, mehr Austausch‑ und Beratungsangebote zu haben.

Anderen Menschen, die neu in der Schweiz leben, sage ich: «Schützt euch und lasst euch testen. Und wenn ihr mit HIV lebt: Nehmt die Medikamente und gebt euch selbst eine Chance.» HIV ist heute behandelbar. Das Stigma ist oft schwerer zu tragen als die Krankheit selbst.

* Name geändert.
Porträt verfasst von Marlon Gattiker, basierend auf einem Interview, geführt von Anja Suter (Aids‑Hilfe Schweiz). Ein herzliches Dankeschön an Tesfalem Ghebreghiorghis (Prävention und Migration, Sexuelle Gesundheit Zürich) für die Organisation des Interviews und das Dolmetschen. Unser Dank gilt zudem der HIV/Aids‑Seelsorge für die freundliche Bereitstellung der Räumlichkeiten.