Stillen mit HIV unter wirksamer Therapie
Lange Zeit wurde Frauen mit HIV in wohlhabenden Ländern vom Stillen abgeraten. Aufgrund der gesundheitlichen Vorteile des Stillens und neuer Erkenntnisse zur sehr geringen Übertragungswahrscheinlichkeit hat die Schweiz ihre Empfehlungen 2018 angepasst. Seither werden Frauen mit HIV, die stillen möchten, im Rahmen eines gemeinsamen Entscheidungsprozesses unterstützt – unter klaren medizinischen Voraussetzungen. Erkenntnisse aus einer Schweizer Studie (MoCHiV) Karoline Aebi-Popp, Gynäkologin FMH, Lindenhofspital Bern / Inselspital Bern
Ziel der Studie
Eine Studie der Swiss Mother and Child HIV Cohort Study (MoCHiV) untersuchte, wie stark HIV-Medikamente (antiretrovirale Therapie, ART) in die Muttermilch übergehen und wie viel davon gestillte Kinder aufnehmen. Ein besonderer Fokus lag auf neueren HIV-Medikamenten, zu denen bisher nur wenige Daten vorlagen.
Vorgehen
In die Studie wurden 21 Mutter-Kind-Paare eingeschlossen. Alle Frauen lebten mit HIV, nahmen eine stabile ART ein und entschieden sich zu stillen. Analysiert wurden Blutproben der Mütter, Muttermilch sowie – bei einem Teil – Blutproben der Kinder. Die Kinder wurden über einen längeren Zeitraum mehrfach auf HIV getestet.
Zentrale Ergebnisse
Die Studie zeigt, dass HIV-Medikamente in unterschiedlichem Ausmass in die Muttermilch übergehen. Entscheidend ist jedoch: Die geschätzte Medikamentenmenge, die Säuglinge über das Stillen aufnehmen, war insgesamt niedrig und lag bei allen untersuchten Wirkstoffen unter einem anerkannten Sicherheitsrichtwert. In der Studiengruppe kam es zu keiner HIV-Übertragung auf die Kinder.
Einordnung und offene Fragen
Trotz der insgesamt niedrigen Medikamentenexposition wurden bei den Kindern je nach Wirkstoff unterschiedliche Konzentrationen gemessen. Sollte es in seltenen Fällen dennoch zu einer HIV-Infektion kommen, könnte dies theoretisch das Risiko einer Resistenzentwicklung erhöhen. Die Autor:innen betonen daher, dass weitere Forschung notwendig ist, um dieses Restrisiko besser beurteilen zu können.
Bedeutung für die Praxis
Die Studie unterstützt den Schweizer Ansatz, Stillen mit HIV unter strengen Voraussetzungen zu ermöglichen. Zentral sind dabei eine sehr gute Therapietreue, eine dauerhaft unterdrückte Viruslast und eine enge medizinische Begleitung von Mutter und Kind. Stillen mit HIV ist damit möglich – erfordert aber grosse Sorgfalt und klare Rahmenbedingungen.