«Ich hatte den Tod vor der Tür – und das Leben in mir»
1987 erfährt Renata, dass sie mit HIV lebt. Sie ist schwanger, es gibt noch keine Behandlung, und sie steht mit der Diagnose fast allein da. Heute lebt sie in Porrentruy, in einem kleinen Haus mit einem grossen, blühenden Garten. Dort hat sie nach Jahrzehnten des Kampfes Ruhe gefunden.

Renata, wie würdest du dich heute vorstellen?
Ich werde bald 70. Wenn ich auf meinen Weg zurückblicke, empfinde ich vor allem Stolz. Man hat mir gesagt, ich hätte vielleicht noch ein Jahr zu leben. Fast vierzig Jahre später bin ich immer noch hier.
Wie warst du vor der Diagnose?
Ich war eine lebensfrohe Frau. Mein Motto war: olé, olé! Ich liebte es, auszugehen, zu lachen, das Leben zu geniessen. Ich war optimistisch und konnte gut mit Rückschlägen umgehen. HIV war ein Einschnitt. Es gab ein Davor und ein Danach.
Wie hast du von der Diagnose erfahren?
Das war 1987. Ich fragte den Arzt, was man tun könne. Er sagte, er wisse es nicht. Damals war es der Anfang der Epidemie. Es gab kaum Antworten, aber viel Angst.
In welcher Situation warst du damals?
Ich war im vierten Monat schwanger. Die Frage, das Kind zu behalten, stellte sich nicht mehr. Ich hatte den Tod vor der Tür – und das Leben in mir. Es war eine extrem schwierige Zeit, weil ich neben meiner eigenen Angst auch befürchtete, das Virus auf mein Kind zu übertragen.
Hast du Unterstützung erhalten?
Nicht wirklich. Mein Mann hatte ein Suchtproblem. Ich dachte, wir würden das gemeinsam durchstehen, aber ich merkte schnell, dass ich mich auf mich selbst verlassen musste. Es gab kaum Menschen um mich herum. Damals gab es die Unterstützung, wie wir sie heute kennen, noch nicht.
Auch meine familiäre Situation war schwierig. Ich stand meiner Mutter sehr nahe, die selbst schon viel getragen hatte und einige Jahre später krank wurde. Ich wollte sie nicht zusätzlich mit meiner Diagnose belasten. Die Beziehung zu meinem Vater war distanziert und schwierig. Ich habe früh gelernt, allein zurechtzukommen.
Wie hast du das geschafft?
Ich glaube, nach so einem Schock gibt es zwei Möglichkeiten: aufgeben oder weitermachen. Ich habe mich fürs Weitermachen entschieden. Ich musste arbeiten, Rechnungen bezahlen und mich auf die Geburt meines Kindes vorbereiten.
Wie hast du die ersten Jahre mit deiner Tochter erlebt?
Mit viel Angst. In den ersten zwei Jahren mussten wir regelmässig kontrollieren lassen, ob sie sich mit HIV infiziert hatte. Solange wir es nicht wussten, war die Angst ständig da. Der Moment, als ich erfuhr, dass sie HIV-negativ ist, war eine riesige Erleichterung.
Wie sah dein Alltag damals aus?
Ich arbeitete, kümmerte mich um meine Tochter und versuchte, einfach weiterzumachen. Finanziell war es schwierig und mental auch. Aber Schritt für Schritt weiterzugehen, hat mich gerettet.
Was hat dir geholfen zu überleben?
Disziplin. Gut für mich selbst zu sorgen. Ich achtete auf meine Ernährung und meinen Lebensrhythmus. Und natürlich meine Tochter – sie gab mir einen Grund, weiterzumachen.
Wie hast du die Einführung der Behandlungen erlebt?
Mit Hoffnung. In den 1990er-Jahren kamen die ersten Medikamente. Sie waren belastend und nicht immer leicht zu ertragen, aber sie bedeuteten eine Chance. Zum ersten Mal konnte man sich eine Zukunft vorstellen.
Wann hast du gemerkt, dass du leben wirst?
Das kam schrittweise. Ich hatte mir ein Ziel gesetzt: 50 Jahre alt zu werden, um für meine Tochter da zu sein. Dann vergingen die Jahre. Danach dachte ich an 60. Und jetzt nähere ich mich den 70. Ich habe gelernt, das, was die Zeit schenken kann, nie zu unterschätzen.
Wie hat HIV dich verändert?
Ich habe eine gewisse Leichtigkeit verloren. Eine Frau sagte einmal zu mir: Du hast traurige Augen. Das stimmte. Aber ich habe auch eine Stärke in mir entdeckt, die ich vorher nicht kannte. Ich habe Geduld gelernt, Durchhaltevermögen und den Wert echter Beziehungen. Wenn man so etwas erlebt, erkennt man besser, was wirklich zählt.
Wie blickst du heute auf dein Leben zurück?
Ich denke, ich habe einen beeindruckenden Weg hinter mir. Ich habe sehr schwierige Dinge erlebt – und bin immer noch hier.
Wo stehst du heute?
Ich möchte jetzt mehr für mich selbst leben. Reisen hat mir sehr geholfen. Ich war in Thailand, auf Bali, in Brasilien … Und hier, in meinem Garten, habe ich endlich meinen Frieden gefunden.
Welche Botschaft möchtest du anderen Menschen mit HIV mitgeben?
Dass man daran glauben soll. Heute gibt es Behandlungen, Betreuung und Unterstützung. Vieles hat sich verändert. Und man darf nie die eigene innere Stärke vergessen. Man kann sehr dunkle Zeiten durchstehen und trotzdem wieder Licht finden. Man darf sich selbst nie aufgeben.