Aufklärung ohne Angst: Wie Jugendliche HIV heute begegnen
Corinne Rietmann ist Sexualpädagogin und Sexualberaterin bei der Fachstelle Adebar in Graubünden. Sie arbeitet in Schulen sowie in der Beratung und bringt langjährige Erfahrung in der HIV-Arbeit mit, unter anderem durch ihre Tätigkeit bei Swiss Youth Positive, einer ehemaligen Gruppe junger Menschen, die mit HIV leben.
Corinne, wie nimmst du das Thema HIV bei Jugendlichen heute wahr?
Im Vergleich zu früher hat HIV deutlich an Präsenz verloren. Viele Jugendliche, mit denen ich arbeite, wissen kaum noch, was HIV ist. Wenn man den Begriff erwähnt, kommt oft die Reaktion: «Was ist das?» Erst wenn man von einer sexuell übertragbaren Infektion spricht, wird es etwas greifbarer.
Früher war das anders. Aids war stark präsent, auch stark angstbesetzt. Heute hingegen herrscht eher die Vorstellung, dass alles behandelbar oder heilbar ist. Da müssen wir oft korrigieren: HIV ist zwar sehr gut behandelbar, aber nicht heilbar.
Welche Missverständnisse begegnen dir häufig?
Ein grosses Missverständnis ist, dass man HIV «sehen» könne. Viele denken, man erkenne, ob jemand krank ist. Oder sie glauben, HIV betreffe nur bestimmte Gruppen, etwa Menschen mit Drogenkonsum oder Sexarbeit.
Auch die Logik rund um Medikamente ist oft schwierig: Jugendliche denken, wenn es Medikamente gibt, dann ist etwas automatisch heilbar. Hier braucht es Aufklärung.
Wichtig ist auch zu vermitteln: Menschen mit HIV können heute ein ganz «normales» Leben führen – mit wirksamer Therapie und dauerhaft unterdrückter Viruslast ist eine sexuelle Übertragung nicht mehr möglich (U=U).
Welche Rolle spielt Offenheit – besonders bei jungen Menschen?
Offenheit ist zentral. In der Vergangenheit wurde oft geschwiegen – auch gegenüber Kindern. Bei Swiss Youth Positive gab es einige, die als Kinder regelmässig zu Arztterminen mussten und viele Medikamente einnahmen, ohne zu wissen, warum. Sie merkten, dass «etwas nicht stimmt», durften aber nicht darüber sprechen.
Das kann sehr belastend sein. Kinder und Jugendliche spüren sehr genau, wenn etwas verborgen wird. Deshalb ist es wichtig, altersgerecht und ehrlich zu kommunizieren.
Es gibt kein grundsätzliches «zu früh», entscheidend ist, dass Informationen altersgerecht vermittelt werden.
Wenn junge Menschen informiert sind, stärkt sie das. Sie können besser einordnen, was mit ihnen passiert, und auch auf Fehlinformationen reagieren.
Wie erklärst du HIV Jugendlichen, ohne Angst zu machen?
Heute arbeitet man im Gegensatz zu früher nicht mehr mit Angst. Stattdessen geht es darum, verständlich und alltagsnah zu erklären.
Hilfreich sind vereinfachte Beispiele, etwa Herpes: manchmal sichtbar, manchmal nicht. So wird klar, dass man Krankheiten nicht immer erkennt.
Wichtig ist auch, HIV nicht isoliert zu betrachten, sondern im Kontext von Beziehungen, Vertrauen und Konsens. Es geht nicht nur um Risiko, sondern auch um Verantwortung und gegenseitigen Respekt. Und vor allem um Lust!
Welche Rolle spielt Sexualität heute im Leben von Jugendlichen?
Wir beobachten in der Praxis: Sexualität hat sich stark in den digitalen Raum verschoben. Viele Jugendliche konsumieren früh pornografische Inhalte, haben aber gleichzeitig wenig reale Erfahrungen – wie Händchenhalten oder Küssen.
Das führt zu Unsicherheiten. Sexualität wird oft als Leistung verstanden statt als etwas, was mit Nähe, Vertrauen und gegenseitigem Einverständnis zu tun hat.
In der Praxis bedeutet das: Wir beantworten sehr viele Fragen im Stil von «Ist das normal?». Ein grosser Teil unserer Arbeit ist es, zu beruhigen, zu normalisieren und realistische Bilder von Sexualität zu vermitteln.
Hat sich dadurch auch eure Arbeit verändert?
Ja, stark. Es geht heute weniger um reine Wissensvermittlung und mehr um Einordnung und Reflexion.
Wir holen Jugendliche «auf den Boden zurück»: weg von digitalen Bildern, hin zu echten zwischenmenschlichen Erfahrungen. Themen wie Konsens, Körperwahrnehmung und Selbstbestimmung sind zentral geworden.
Was ist dir besonders wichtig in der HIV-Aufklärung?
Dass wir wegkommen von reiner Angst- und Risikokommunikation. HIV-Aufklärung darf nicht nur aus «Schutz» bestehen.
Sexualität beinhaltet auch Lust, Nähe und schöne zwischenmenschliche Erfahrungen. Jugendliche haben ein Recht darauf, diese Aspekte zu verstehen. Wenn man nur über Risiken spricht, entsteht ein verzerrtes Bild.
Ebenso wichtig ist es, Vorurteile abzubauen und offen über HIV zu sprechen. Niemand muss sich für eine Krankheit schämen.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Mehr Offenheit und weniger Tabus. Wissen nimmt Angst – und Angst führt oft zu Vorurteilen.
Sexualpädagogik bedeutet nicht nur reine Wissensvermittlung, sondern auch Beziehungsarbeit: Jugendliche sollen lernen, was sich für sie richtig anfühlt, Verantwortung zu übernehmen und respektvoll miteinander umzugehen.